Wir danken Belgien für Pralinen, die Schlümpfe und – das Internet!

Ehre, wem Ehre gebührt. Auch wenn einige Leute noch immer Al Gore (kalt) oder die amerikanische Air Force (wärmer) für den Erfinder des WWW halten, so weiß doch die New York Times: Das Internet kommt aus Belgien. Bereits 1934 entwarf technology’s lost pioneer Paul Otlet Pläne für ein weltumspannendes Netzwerk von Computern (die er electric telescopes nannte), über das Millionen Dokumente, Bilder, Audio- und Videodateien gefunden und getauscht werden sollten. Darüber hinaus aber hat er auch noch das Konzept des Hyperlinks entwickelt – eine der meist unterschätzten Erfindungen des vergangenen Jahrhunderts.

Selbst social networks sah Otlet voraus. Er begann bereits 1895, zusammen mit dem späteren Nobelpreisträger Henri La Fontaine, Daten über alle jemals erschienen Schriftstücke zu sammeln und sie in einem gewaltigen Lochkartensystem mit über 12 Millionen Einträgen zu indizieren. Besonders erstaunlich ist, dass seine Version des Internets zeitweilig funktionierte – und zwar so:

Menschen aus der ganzen Welt konnten ihm und seinen Angestellten Suchanfragen per Post oder Telegramm schicken, für die eine Gebühr fällig wurde – eine Art analoge Suchmaschine. In Spitzenzeiten bekam Otlet mehr als 1.500 Anfragen pro Jahr über Themengebiete vom Bumerang bis zur bulgarischen Finanzwirtschaft. Allerdings musste er bald erkennen, dass seine papierbasierte Lösung mittelfristig nicht zukunftstauglich sein würde. So begann er, über die Möglichkeiten der elektronischen Datenspeicherung zu theoretisieren.

Doch wie so häufig bei revolutionären Konzepten waren die Ideen zu groß für ihre Zeit. Nach anfänglicher Unterstützung durch die belgische Regierung machten Otlet das nachlassende Interesse seiner Gönner und der Zweite Weltkrieg einen Strich durch die Rechnung. Er starb 1944 als gebrochener Mann.

Dennoch hat die Vorstellung von all den Angestellten und ihren Lochkarten und Dokumenten durchaus etwas Heimeliges. Wie sähe wohl der Betrieb bei Google aus, wenn nach jeder Suchanfrage ein fleißiger Angestellter ins Archiv laufen, Lochkarten auslesen und ggf. noch in der Fundquelle nachschlagen müsste? Vielleicht hätte ich dann immer denselben Ansprechpartner, George z.B. oder Phyllis. Mit der Zeit würde ich viel über George oder Phyllis erfahren, wie sie recherchieren, nach welchen Kriterien sie auswählen, was für Quellen sie bevorzugen. Möglicherweise bekäme ich das Ergebnis sogar mit einem persönlichen Gruß übermittelt, auf Veilchenpapier gedruckt oder von einem singenden Telegrammboten überbracht. Ach wie tragisch es wäre, wenn George eines Tages pensioniert würde oder Phyllis wegen ihrer kranken Mutter fortziehen müsste.

So ist es doch fast bedauerlich, dass ich mich kostenlos auf eigene Faust durch zwölf Seiten Ebay-Doorways wühlen muss, um schließlich zu erfahren, dass es mein gewünschtes La Martina-Hemd nur in Übersee zu kaufen gibt.

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